Die Virtuelle Mumie: Auswickeln einer Mumie per Mausklick (1997)

[Die Virtuelle Mumie]

Der Computer ist in unser Alltagsleben eingedrungen und hat auch vor der Mumienforschung nicht haltgemacht. Er hilft den Forschern nicht nur bei der zerstörungsfreien Untersuchung der Mumien, er erlaubt sogar die Herstellung einer "virtuellen Mumie", die die Besucher der Ausstellung Das Geheimnis der Mumien - Ewiges Leben am Nil, aber auch Sie (mit eingeschränkter Funktionalität) am Bildschirm auswickeln können. Es handelt sich hierbei um eine 2300 Jahre alte Mumie einer etwa 30 jährigen Frau.

Freilich stellt das Auswickeln per Computer nicht mehr das geheimnisvolle und spannende Erlebnis einer realen Auswicklung dar. Nach heutigem Verständnis wäre eine solche, die Würde des Verstorbenen missachtende Prozedur sowieso nicht mehr akzeptabel. Dieses Problem tritt bei der virtuellen Mumie nicht auf.

Das Verfahren stammt eigentlich aus der medizinischen Forschung. Ziel ist es dabei, ein möglichst realistisches Bild des Körperinneren zum Zweck der Verbesserung der Diagnostik, der verlässlicheren Operationsplanung und der Ausbildung der Medizin-Studenten zu bekommen.

Seit mehr als zwölf Jahren beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Prof. Dr. Karl Heinz Höhne mit der Erforschung von Verfahren der 3D-Rekonstruktion der Anatomie des lebenden menschlichen Körpers. Die Verfahren sind inzwischen soweit gediehen, dass man computergespeicherte Körpermodelle - "virtuelle Körper" - erzeugen kann, die man am Bildschirm wie ein Anatom oder Chirurg untersuchen und ihre anatomischen Bestandteile abfragen kann. Mit dem VOXEL-MAN genannten Programm lassen sich auch Operationen simulieren und vorausplanen oder 3D-Anatomieatlanten erstellen. Am Institut für Mathematik und Datenverarbeitung in der Medizin (IMDM) wurde auf diesen Gebieten Pionierarbeit geleistet. Zum Beispiel wurde hier 1987 erstmalig das Gehirn eines lebenden Menschen dreidimensional rekonstruiert. Inzwischen liegt der Schwerpunkt auf der Entwicklung von computerbasierten Chirurgiesimulatoren.

[Mumie im CT-Scanner]
So funktionieren die Methoden zur Rekonstruktion der virtuellen Mumie.
[Kopf der Mumie]
Hier können Sie verschiedene Ansichten des Mumienkopfes anschauen.
[Video Clips] [Video Clips] [Video Clips] [Video Clips]
Hier können Sie verschiedene Filmszenen laden und den Mumienkopf am Bildschirm enthüllen.

Dem Computer ist es natürlich gleich, ob das rekonstruierte Objekt ein Patient oder eine Mumie ist. Es liegt daher nahe, letztere auf die gleiche Weise zu untersuchen. Die Bildqualität ist meist sogar besser, weil man ohne Risiko hohe Strahlendosen anwenden kann und die Mumie geduldig stillhält.

Die Anwendung auf Mumien wurde in Zusammenarbeit mit PD Dr. Renate Germer vom Arbeitsbereich Ägyptologie der Universität Hamburg schon im Jahre 1989 begonnen und erstmals 1991/92 im Rahmen der Ausstellung Mumie + Computer im Kestner Museum Hannover gezeigt. Für umfassendere Darstellungen verweisen wir auf die folgenden Veröffentlichungen:

  1. Renate Germer, Karl Heinz Höhne: Mr. X und Voxel-Man. In Rosemarie Drenkhahn, Renate Germer (Hrsg.): Mumie und Computer II, Kestner-Museum, Hannover, 2003, 51-53 (ISBN 978-3-924029-32-6).
  2. Cool images: Mummy unwrapped. Science 285, 5427 (1999), 491.
  3. Karl Heinz Höhne: Die Virtuelle Mumie: Auswickeln einer Mumie per Mausklick. In Renate Germer (Hrsg.): Das Geheimnis der Mumien: Ewiges Leben am Nil, Prestel, München, 1997, 118-120 (ISBN 978-3-7913-1804-2).
  4. Andreas Pommert: Dreidimensionale Darstellung altägyptischer Mumien aus computertomographischen Bildfolgen. In Rosemarie Drenkhahn, Renate Germer (Hrsg.): Mumie und Computer—Ein multidisziplinäres Forschungsprojekt in Hannover, Kestner-Museum, Hannover, 1991, 19-20 (ISBN 978-3-924029-17-3).